Hommage an Efim Jourist und Astor Piazzolla



Efim JouristEfim Jourist wurde 1947 in Kamjanez-Podilskyj in der Ukraine geboren. Schon früh wurde seine einmalige musikalische Begabung erkannt und gefördert. Sein Instrument war das Bajan, das Knopfakkordeon, das tief in der russischen Volksmusiktradition verankert ist und eine hochvirtuose Spielkultur hervorgebracht hat. Jourist pflegte dieses Virtuosentum mit Leidenschaft. Sein Spiel galt als atemberaubend und rasant, es trug ihm den Namen „Paganini des Bajan“ ein. Als Bajanvirtuose machte sich Jourist nach seinem Studium an der Hochschule in Gorki schnell einen Namen und konzertierte auch zu Zeiten der Sowjetunion weltweit als Solist mit Orchester. Eine seiner Reisen führte ihn nach Buenos Aires, der Stadt Astor Piazzollas, den er als Instrumentalisten und Komponisten gleichermaßen verehrte.

Wie Piazzolla verstand sich Efim Jourist nicht nur als ein virtuoser Instrumentalist, er war ebenfalls leidenschaftlicher Komponist und Arrangeur. Sein Lehrer, der russische Komponist Nikolai Tschaikin, beeinflusste ihn darin nachhaltig.

Jourists Werke befassen sich oft mit Themen der russischen Volksmusik. So auch seine "russischen Tangos", die er 1995 nach seiner Übersiedlung nach Deutschland für das von ihm gegründete Quartett für Bajan, Violine, Gitarre und Kontrabass schrieb. Eine wohlbekannte russische Melodie bildet meist den Kern der für Jourist so typischen virtuosen und farbenreichen Arrangements.

In seinen späten Werken wurde seine Musik abstrakter und moderner. Seine letzte Komposition „Auf der Woge meiner Erinnerung“, die er 2006 schrieb, bedient sich deutlich schrofferer Klangfarben und Rhythmen. Das Stück wirkt wie eine Vorahnung auf seinen frühen Tod an seinem 60. Geburtstag im Jahre 2007.

Efim Jourist ist vielen Menschen auch als Arrangeur des Jaques Brel-Liederabends mit Dominique Horwitz und des Heinrich Heine-Abends „Ich hab`im Traum geweinet“ mit Ulrich Tukur in Erinnerung.

 

Astor PiazollaAstor Piazzolla (1921-1992) zählt zu den bedeutendsten argentinischen Komponisten des letzten Jahrhunderts. Seine Kindheit verbrachte er in New York, wohin die Familie aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse in Argentinien ausgewandert war. Er lernte Klavier und - seinem tangobegeisterten Vater zuliebe - das Bandoneon. Piazzolla selbst war vom traditionellen argentinischen Tango nicht besonders angetan, was sich auch später nicht änderte. Er fand ihn „old, boring, always the same, repeated”. Ihn beeindruckten die Werke Johann Sebastian Bachs ebenso wie zeitgenössischer Jazz. Die Familie kehrte 1937 zurück nach Buenos Aires. Ein Konzert des virtuosen Tangogeigers Elvino Vardaro eröffnete ihm eine neue Sicht auf den Tango und fortan widmete er sich intensiv dem Bandoneonspiel. Er spielte in Nachtclubs und Bordellen und seine Musik wurde, wie er sagte „very porteña“ - aus Buenos Aires stammend. Den Titel „Porteña“ fügte er vielen seiner Kompositionen bei und zeigt damit, wie sehr er sich der Stadt verbunden fühlte.

Im Alter von 19 Jahren wurde er Schüler Alberto Ginasteras, der ihn in Klavier und Komposition unterrichtete. Als 1. Preisträger eines Kompositionswettbewerb studierte Piazzolla für 18 Monate in Paris bei Nadja Boulanger, eine Zeit "that helped me like 18 years" wie Piazzolla selbst sagte. Ihm wurde klar, dass seine musikalische Identität auf das Engste mit dem Tango und dem Bandoneon verbunden war und nur in dieser Musik erkennbar werden konnte. Den „Tango Nuevo“ – der „neue“ Tango, für den er berühmt wurde, beschreibt er selbst als „popular chamber music that comes from the tango“.

Das Bandoneon steht im Zentrum seiner Kompositionen . Das Instrument wurde 1854 in Deutschland als „kleine Orgel“ für Kirchenmusik entwickelt. Die zweite Station des Instrumentes waren die Seeleute, die es ebenfalls spielten und auf ihren Reisen nach Argentinien brachten, wo es häufig in Bordellen und Nachtclubs erklang. Der wehmütige, expressive Klang machte es schließlich zum zentralen Instrument der Tangomusik. Piazzolla war von barocken Kompositionstechniken und Formen fasziniert und verband Tonalität und Rhythmik des Tangos häufig mit barocker Fugentechnik und suitenartiger Anlage der einzelnen Sätze.

Die „Vier Jahreszeiten“ verweisen auf die gleichnamige Komposition Antonio Vivaldis. Auch bei dieser Komposition der Beiname „Porteña“, also Frühling, Sommer, Herbst und Winter in Buenos Aires.

Piazzolla gelingt in seinen Kompositionen eine fast mythische Ausdruckskraft, und er scheint immer auch die wechselvolle Geschichte des Instruments zu erzählen. Porteña mag bei seiner Musik auch im Wortsinn „Tor“ verstanden werden. Als Tor zwischen dieser und einer anderen Welt.